
Seit 2006 besuchen Mitglieder unseres Vereins regelmäßig die Sommeraufführungen des Poetenpacks. Zum festen Bestandteil gehört dabei eine exklusive Einführung vor Beginn – mit Einblicken in das jeweilige Stück oder in aktuelle Entwicklungen der freien Theater-Company. Was vor rund 20 Jahren in kleiner Runde mit Andreas Hueck auf dem Q-Hof begann, ist inzwischen eine liebgewonnene Tradition. Seither begleiten wir das Poetenpack als treues Publikum und schätzen den besonderen Charme des Heckentheaters im Park Sanssouci.
Anton Tschechow
Am gestrigen Abend führte Willi Händler in das Werk ein. In einem kurzen Überblick zeichnete er das Leben von Anton Tschechow (1860–1904) nach, der aus einer kleinbürgerlichen Familie im südrussischen Taganrog stammte. Ab 1884 war er als Arzt tätig, übte diesen Beruf jedoch überwiegend ehrenamtlich aus. Parallel dazu entstand ein umfangreiches literarisches Werk mit über 600 Veröffentlichungen. Internationale Bekanntheit erlangte Tschechow vor allem als Dramatiker mit Stücken wie „Drei Schwestern“, „Die Möwe“ und „Der Kirschgarten“. Mit seiner zurückhaltenden, wertfreien Darstellung menschlicher Lebenswelten gilt er als einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur.
Der Kirschgarten – eine Zeitenwende
In der Inszenierung übernimmt Willi Händler die Rolle des alten Dieners Firs, der bereits den Vorfahren der Familie diente und mit dem Wandel der Zeit hadert: „Es wird nur gequatscht.“ Händler beschreibt das Stück als einen „Jetztpunkt“, der sich über zwei bis drei Tage erstreckt. Die bearbeiteten Originaltexte erweisen sich dabei als erstaunlich zeitlos und fügen sich mühelos in unterschiedliche Epochen. Besonders hervorzuheben sind die musikalischen Beiträge von Mirja Henking, die das Geschehen auf der Bühne auf besondere Weise bereichern.
Im Mittelpunkt steht die verwitwete Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die nach Jahren im Ausland auf ihr Anwesen zurückkehrt. Durch ein Leben über ihre Verhältnisse ist sie hoch verschuldet und steht vor dem Verlust ihres Besitzes – einschließlich des geliebten Kirschgartens, der für sie mit Erinnerungen an glücklichere Zeiten verbunden ist. Der Kaufmann Lopachin, selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, schlägt vor, den Garten zu parzellieren und Ferienhäuser zu errichten. Doch Ranjewskaja kann sich von der Vergangenheit nicht lösen und verweigert diesen Schritt.
Bei der Uraufführung im Jahr 1904 spiegelte das Stück den Umbruch im zaristischen Russland wider – den Niedergang des Adels und die Unsicherheit über die Zukunft. Tschechow zeichnet diese Zeitenwende mit feinem Humor und großer Sensibilität. Seine Figuren wirken bis heute erstaunlich aktuell: geprägt von Verlustängsten, Sehnsüchten und dem Ringen um Orientierung. Als beständige Größe bleibt allein die Macht des Geldes.
Lang anhaltender Applaus belohnte die Darsteller für einen eindrucksvollen Theaterabend, der – trotz eines kurzen Regenschauers – einmal mehr zu einem besonderen Erlebnis wurde.
Potsdam, am 1. August 2026








