Mars und die Musen. Katholische Zuwanderung nach Potsdam.

Im Rahmen unseres Jahresthemas „Internationale Impulse für die Entwicklung Potsdams“ hielt der Historiker und Kunsthistoriker Dr. Thomas Fischbacher am 19. Juni einen Vortrag zum Thema „Mars und die Musen. Katholische Zuwanderung und die Entstehung der Kirche St. Peter und Paul in Potsdam“.

Erstmals wurde Potsdam 993 in einer Urkunde Kaiser Ottos III. erwähnt. Die Eroberung des von Hevellern bewohnten Gebiets zog sich dann über zwei Jahrhunderte hin. Erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstand eine deutsche Siedlung in Potsdam. Dies war die erste Zuwanderung, mit der die mehr als 800 Jahre Geschichte katholischen Lebens begann.
Die Reformation unterbrach diese Entwicklung: Kurfürst Joachim II., der zur lutherischen Lehre übergetreten war, löste 1540 die katholische Kirche in Brandenburg mit seiner Kirchenordnung auf. Allerdings musste dann Kurfürst Friedrich Wilhelm als eine Folge des Westfälischen Friedens 1648 unter anderem den Katholiken im Bistum Halberstadt, das zu seinem Herrschaftsbereich gehörte, die Ausübung der katholischen Religion erlauben. Auch die Gesandten des Kaisers und Frankreichs durften in Berlin katholische Messen halten. Im Jahr 1711 waren in Berlin rund 600 und in der Umgebung etwa 200 Katholiken ansässig, vermutlich zugewanderte Handwerker und Händler.

Anwerbung ausländischer Soldaten

1713 verlegte König Friedrich Wilhelm I. rund 500 Soldaten nach Potsdam und steigerte die Zahl bis zum Jahr 1740 auf rund 4.000 an. Sie wurden aus aller Herren Länder angeworben: Russland, Polen, Kur- und Livland, Litauen, Dänemark, Schwedisch-Pommern, Norwegen, England, Irland, Frankreich, Burgund, Elsass, Lothringen, Italien, Savoyen, Venedig, Spanien, den Generalstaaten (Niederlande) und aus den Schweizer Kantonen, aus Ungarn, Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Albanien, Walachei und aus dem Osmanischen Reich. Als Ausland galt aber beispielsweise auch das etwa 50 km beginnende Sachsen.
Im Königsregiment stammte jeder Fünfte aus dem Ausland, daher war rund ein Drittel der Soldaten katholisch. Zur Seelsorge kamen die Patres der kaiserlichen und französischen Gesandtschaft; 1722 verpflichtete der König für die Soldaten dann einen eigenen Priester aus dem Dominikanerkloster Halberstadt. Dies gilt als das offizielle Datum für die Wiederzulassung der katholischen Religion in Brandenburg.

Gründung der Gewehrfabrik

Im selben Jahr wurde auf dem Gelände zwischen der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße und der Hoffbauerstraße eine Gewehrfabrik angesiedelt. Dazu wurde katholischen Facharbeitern aus Lüttich – damals die Waffenschmiede Europas– auch die freie Religionsausübung gestattet. 1723 ließ der König auf dem Gelände der Gewehrfabrik eine Fachwerkkirche mit ca. 170 qm errichten. Die Gottesdienste fanden sonntags jeweils zweimal statt: auf Französisch für rund 240 Waffenhandwerker und auf Deutsch für die bis zu 400 katholischen Soldaten.

Auftragskunst für die Kirche

Für die äußerlich schlichte Kirche bestellte der König in Prag bei böhmischen Künstlern wertvolle liturgische Geräte aus Silber: Erhalten sind eine Monstranz, ein Rauchfass mit Schiffchen und eine große Ewiglichtampel, die über dem heutigen Hauptaltar von St. Peter und Paul zu bewundern ist.
Vermutlich anlässlich des Besuchs des katholischen Augusts des Starken gab Friedrich Wilhelm bei seinem in Paris geborenen Hofmaler Antoine Pesne das ebenfalls erhaltene Gemälde „Christus am Ölberg“ in Auftrag. Das 1728 geschaffene Werk war in der Fachwerkkirche der Gewehrfabrik der Hauptaltar; in der heutigen Kirche ist es als rechter Seitenaltar aufgestellt. Das Bildmotiv hatte auch einen weltlichen Hintergrund: Die Disziplin, mit der sich Christus dem göttlichen Willen fügt, sollte den Soldaten als Vorbild für militärischen Gehorsam dienen. Schon 1731 wurde die Kirche auf die doppelte Größe erweitert und erhielt 1732 weitere Stiftungen, darunter auch liturgische Gewänder.

Neubau der Kirche

Aufgrund der wachsenden Gemeinde und baulicher Mängel wurde 1737 im Auftrag des Königs ein Neubau begonnen. Die neue Kirche, auf den Fundamenten des Vorgängerbaus errichtet, war rund 800 qm groß und wurde 1738 zu Ehren Gottes, der Gottesmutter Maria sowie der Apostel Peter und Paul geweiht. Der König beauftragte abermals seinen französischen Hofmaler Antoine Pesne, der 1739 zwei Gemälde als Seitenaltäre malte: Eines zeigt Maria mit dem Jesuskind und dem heiligen Dominikus bei der sogenannten Rosenkranzspende, das andere den Erzengel Rafael mit dem jungen Tobias. Sie befinden sich heute links und rechts vom Hauptaltar.
Aus der Zeit König Friedrichs II. stammt die erhaltene Figur der heiligen Maria Magdalena unter dem Kruzifix. Das nahezu lebensgroße, farbig gefasste Lindenholzensemble war wahrscheinlich eine Stiftung von Johann Peter Benckert, der das Werk inschriftlich 1763 geschnitzt hat. Der aus dem Hochstift Würzburg stammende Benckert hat in Berlin und Potsdam viele Werke für den Hof ausgeführt.

Kirche auf dem Bassinplatz

Im Jahr 1856 erhielt der Architekt August Stüler den Auftrag, Entwürfe für eine neue katholische Kirche zu erstellen und gemeinsam mit Peter Joseph Lenné geeignete Standorte zu prüfen. Lenné, gebürtig aus Bonn, seit 1816 in Potsdam tätig und seit 1824 königlich preußischer Gartendirektor, setzte sich als rheinischer Katholik für den Standort des zugeschütteten Bassins am östlichen Ende der Brandenburger Straße ein.
Nach Stülers Tod im Jahr 1865 übernahm Wilhelm Salzenberg die weitere Ausführung. Der 1866 verstorbene Lenné hatte der katholischen Kirche testamentarisch 1.000 Taler hinterlassen, wovon 1870 die byzantisierende Ausmalung durch den aus Niederschlesien stammenden Paul Stankiewicz realisiert wurde. Die Kirche entstand im romantisierenden Rundbogenstil. Weitere Informationen im PotsdamWiki Beitrag.

Beim schweren Bombenangriff auf Potsdam am 14. April 1945 wurde die Kirche nur wenig beschädigt. Im selben Jahr endete das seit 1722 bestehende Staatspatronat, das auf Friedrich Wilhelm I. zurückging. Es verpflichtete den König beziehungsweise den preußischen Staat zur Finanzierung des Baus, zum Unterhalt der Kirche sowie zur Besetzung der Pfarrstellen. Die Allianz von Mars – das heißt, dem Militär und allem, was daran hing – und den ihm nachfolgenden Musen – der Kunst und den Künstlern – war damit beendet.

Die Gemeinde heute

Seitdem liegt die Verantwortung vollständig bei der Gemeinde. Nach dem Krieg war die Zahl der Katholiken durch Vertriebene und Zuzüge aus Vorpommern und Mecklenburg zuerst angestiegen, bis zur Friedlichen Revolution 1989 aber wieder gefallen. Nach der Wiedervereinigung vermehrten vor allem katholische Zuzüge aus dem Süden und Westen der alten Bundesländer und Fusionen mit Nachbargemeinden die Mitgliederzahl. 2013 stammten rund 12 Prozent der Gemeindemitglieder aus dem Ausland; die größte Nation war dabei mit Abstand Polen, dann folgten Italien, Österreich, Spanien, Niederlande und Frankreich. 2016 umfasste die Gemeinde ungefähr 7.200 Mitglieder. 2018 besuchten rund 50 Katholiken aus Afrika den Hauptgottesdienst am Sonntagvormittag in St. Peter und Paul.
Der globale Charakter der momentan 1,4 Milliarden zählenden Katholiken mit fast gleichen Riten und Glaubensinhalten erleichtert die Integration: Katholiken sind überall auf der Welt zuhause. In der zum Pfarrverband gehörenden Gemeinde St. Antonius in Babelsberg wird ein Gottesdienst am Sonntag auf Polnisch angeboten, in St. Peter und Paul alle 14 Tage auf Englisch, außerdem findet dort wöchentlich eine ukrainisch-griechisch-katholische Messe statt.
Die katholische Kirche in Potsdam ist von Beginn an ganz wesentlich eine Geschichte der Zuwanderung. Zeiten des Niedergangs und der Unterdrückung wurden durch Zuzüge und Zusammenlegungen wieder wettgemacht. Die sonntäglichen Messen führen eindrücklich vor Augen, wie voll, lebendig und bunt die Kirche heute ist. Durch die Zuwanderung aus aller Welt wird sie es auch in Zukunft sein.

Dr. phil. Thomas Fischbacher übt seit 2019 eine freiberufliche Tätigkeit als Historiker und Kunsthistoriker aus. Sein Schwerpunkt: Bauhistorische und stadtentwicklungshistorische Gutachten für Architekten, Bauherren, Projektentwickler oder Wohnungsbauunternehmen, Konzeption und Realisation von Publikationen und Ausstellungen. Weitere Informationen sind auf seiner Webseite zu finden.