Welche gelebten Leben verbergen sich hinter den knappen Inschriften auf Grabsteinen? Dieser Frage widmet sich Dr. Anke Geißler-Grünberg, Leiterin des Projekts „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ am Lehrstuhl für Deutsch-Jüdische Geschichte der Universität Potsdam. Hinter den oft wenigen überlieferten Angaben – Namen sowie Geburts- und Sterbedaten – eröffnet sich bei näherem Hinsehen ein ganzer Kosmos aus Welt-, Regional- und Lokalgeschichte, geprägt von individuellen Lebenswegen, unternehmerischem Mut, aber auch von Brüchen und tragischen Erfahrungen.
Beim Juni-Vereinstreff im „Alten Stadtwächter“ stellte Geißler-Grünberg in ihrem Vortrag „Jüdische Entrepreneurs und Unternehmer in Potsdam“ ausgewählte Persönlichkeiten des 18. bis 20. Jahrhunderts vor.
Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Potsdam lassen sich auf etwa 1740 datieren, als zehn jüdische Männer in der Residenz- und Garnisonstadt lebten. Jüdisches Leben ist jedoch bereits seit 1691 mit der Erwähnung eines jüdischen Kaufmanns belegt. Grundlage hierfür war das Aufnahmeedikt des Großen Kurfürsten vom 20. Mai 1671, das 50 aus Wien vertriebenen jüdischen Familien die Ansiedlung in der Mark Brandenburg und die Ausübung von Handel ermöglichte. Mit dem General-Juden-Reglement König Friedrich Wilhelms I. durften jüdische Unternehmer ab 1730 auch in Potsdam Manufakturen gründen, insbesondere im Textilgewerbe. Ziel war es, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu nutzen, zugleich aber die Zahl der jüdischen Einwohner zu begrenzen. Dennoch wuchs die Gemeinde durch Zuzug von Händlern und Angestellten kontinuierlich.
Der Unternehmer Isaac Levin Joel

Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Potsdamer jüdischen Geschichte ist Isaac Levin Joel. Er gehörte zu den frühesten nachweisbaren jüdischen Einwohnern der Stadt und trug wesentlich zu ihrem wirtschaftlichen Aufstieg bei. Joel wurde vermutlich 1712 in Halberstadt geboren und erhielt 1734 als Schutzjude eine Konzession, die Voraussetzung für unternehmerische Tätigkeit in Brandenburg-Preußen war.
Seit den 1740er Jahren engagierte er sich wirtschaftlich in Potsdam. 1746 gründete er eine Ausnäh- und Broderiemanufaktur zur Veredelung kostbarer Stoffe. Die Arbeitskräfte rekrutierte er unter anderem aus dem königlichen Militärwaisenhaus – damals keineswegs ungewöhnlich, auch wenn es sich überwiegend um Kinder handelte.
Joel erwies sich nicht nur als erfolgreicher, sondern auch als vielseitiger Unternehmer. In den 1750er Jahren wandte er sich der Herstellung von Wachstapeten zu, einem damals äußerst gefragten Produkt. König Friedrich II. überließ ihm 1758 das Jagdschloss Glienicke als Produktionsstätte. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen des Siebenjährigen Krieges und erheblicher Konkurrenz entwickelte sich die Manufaktur zu einer der erfolgreichsten in Preußen. Joels Produkte fanden weite Verbreitung und schmückten zahlreiche Adelssitze sowie königliche Palais.
PotsdamWiki: Geschichte gemeinsam sichtbar machen
Neben Isaac Levin Joel stellte Geißler-Grünberg auch die Familien Friedeberger und Zielenziger vor. Deren Geschichte sowie weitere jüdische Persönlichkeiten sollen im PotsdamWiki sichtbar gemacht werden – die Artikel erscheinen in der Kategorie „Personen der Geschichte“. Wer macht mit? Jede neue Seite trägt dazu bei, vergessene Lebensgeschichten wieder sichtbar zu machen.
Weiterführende Informationen: Juden in Potsdam – Synagogenzentrum Potsdam

