Zwischen Flucht und Neubeginn – Böhmische Persönlichkeiten in Nowawes

Beim letzten monatlichen Vereinstreff des Jahres 2026 setzten wir unser Jahresthema „Internationale Impulse für Potsdam“ fort. Als Gast begrüßten wir Maren Koczott, Vorsitzende des Förderkreises Böhmisches Dorf Nowawes und Neuendorf e. V.

Bereits im Frühjahr hatten wir die Geschichte der böhmischen Siedler in Nowawes und das Leben von Franz Benda, Violinvirtuose am Hof Friedrichs II., kennengelernt. Diesmal standen ausgewählte Lebensgeschichten böhmischer Persönlichkeiten aus Nowawes im Mittelpunkt.

Die gebürtige Cottbuserin Maren Koczott lebt seit ihrer Heirat 2019 in Babelsberg. Seither engagiert sie sich im Umfeld der Friedrichskirche und im Förderverein. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Geschichte Babelsbergs – des einstigen Nowawes – für alle Menschen erlebbar zu machen. Mit wie viel Engagement und Herzblut sie sich dieser Aufgabe widmet, wurde im Laufe des Vortrags deutlich.

Von der Koloniegründung zu den ersten Bewohnern

Alles begann 1750 mit dem Befehl Friedrichs II. an Oberst von Retzow, bei Neuendorf eine Kolonie für böhmische Weber und Spinner anzulegen. Ziel war es, die Textilproduktion unter anderem für das Heer und die Seidenwirtschaft zu fördern. Dabei gingen religiöse Duldung und wirtschaftliche Erwartungen Hand in Hand.

Maren Koczott beim Vortrag am 4.11.2026

Bereits 1751 entstand die Kolonie entlang der neu angelegten Allee-Straße, der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße. Der damalige Straßenraum war rund 72 Meter breit. Heute wird er durch die Bahntrasse geteilt; auf der rückwärtigen Seite verläuft die Benzstraße.

Einer der ersten Bewohner war der Gärtner Jacob Rochwowin aus Böhmisch Brodt. Durch königliche Schenkung erhielt er das älteste erhaltene Kolonistenhaus in der Rudolf-Breitscheid-Straße 22, an der Zufahrt zum Oberlingelände. Vermutlich waren seine gärtnerischen Kenntnisse für die junge Kolonie besonders wertvoll. Denn die Siedler sollten nicht nur ihrem Handwerk nachgehen, sondern auch ihre Gärten bewirtschaften und den wenig fruchtbaren Boden nutzbar machen.

Geistliche und ihre Bedeutung für die Kolonie

Eine besondere Herausforderung bei der historischen Recherche waren die überlieferten Familiennamen. Sie wurden häufig nach Ansage und Höreindruck niedergeschrieben und tauchten im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Schreibweisen auf, bevor sie sich schließlich festigten oder eingedeutscht wurden.

Während über die einfachen Handwerker kaum persönliche Lebensdaten bekannt sind, konnte Maren Koczott die Biografien mehrerer deutsch-böhmischer evangelischer Geistlicher recherchieren. Dazu gehören Andreas Macher, Wenceslaus Letochleb, Matthias Moses, Johann Benjamin Kropatscheck und Julius Münnich. Anhand ihrer Lebensgeschichten zeichnete sie deren Wirken für die Kolonistenfamilien in Kirche und Schule nach.

Um die historischen Persönlichkeiten auch bildlich vorzustellen, ließ sie mithilfe künstlicher Intelligenz Porträts erstellen. So konnten die fehlenden historischen Bildnisse durch zeitgemäße Darstellungen ergänzt werden.

Flucht und Zuflucht auf dem Bäckerberg

Besonders erstaunt waren die Zuhörer über eine historische Begebenheit aus der Zeit der Napoleonischen Kriege. Um 1806/1807, als die preußische Königsfamilie nach Ostpreußen floh, suchte auch die lokale Bevölkerung Schutz vor den Kriegsereignissen. Bewohner aus den tiefer gelegenen Teilen von Nowawes und Neuendorf zogen sich auf den Bäckerberg zurück. Dort mussten sie unter anderem beim sogenannten Schanzenbau, also bei der Errichtung militärischer Erdwälle und Befestigungsanlagen, helfen oder Schutz suchen.

Der Bäckerberg und sein Ausläufer, der Riesberg, gehören zu einem eiszeitlich geprägten Sander- und Moränenzug, der sich durch Babelsberg zieht. Vergleichbar ist die Landschaftsform mit dem unweit gelegenen, den deutlich höheren Babelsberg.

Die Erhebung erstreckt sich heute rund um den Neuendorfer Anger. Auf ihrem Scheitelpunkt steht weithin sichtbar die markante achteckige Alte Neuendorfer Kirche.

Der Vortrag bot spannende Einblicke in die Lebensgeschichten böhmischer Persönlichkeiten und die wechselvolle Geschichte von Nowawes. Wir bedanken uns herzlich bei Maren Koczott für ihre anschaulichen Recherchen und den interessanten Abend.