Kunstmühlen, Graupen und Ingenieurkunst – Niederländer und die Mühlen in Potsdam
Beim September-Vereinstreff setzten wir unser Jahresthema „Internationale Impulse für Potsdam“ fort. Als Gast begrüßten wir Susanne Marok, Museumsleiterin im Jan Bouman Haus und Mitarbeiterin der Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg. Mit ihrem Vortrag „Kunstmühlen, Graupen und Ingenieurkunst – Niederländer und die Mühlen in Potsdam“ gab sie einen Einblick in die Geschichte der Potsdamer Mühlen und ihrer Erbauer. Dabei richtete sie den Blick auch über die Stadtgrenzen hinaus auf die Bedeutung niederländischer Handwerker für die Entwicklung des Mühlenbaus.
Niederländisches Wissen für Potsdams Mühlen
Die niederländischen Handwerker prägten im 18. Jahrhundert die Mühlentradition Potsdams mit ihrem Wissen und ihren technischen Innovationen. Sie bauten nicht nur Mühlen, sondern waren teilweise auch als Teilhaber finanziell an den Anlagen beteiligt.
Die hügelige Landschaft Potsdams bot besonders gute Voraussetzungen für Windmühlen. 1737 wurde mit dem Bau einer Bockwindmühle begonnen. Damit ist der Mühlenstandort der heutigen Historischen Mühle sechs Jahre älter als das Schloss Sanssouci.
Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. förderte den Mühlenbau und warb Fachkräfte aus den Niederlanden an. Mühlen galten damals als hochmoderne Verarbeitungsstätten, in denen natürliche Kräfte effizient genutzt werden konnten. Mehr als 180 unterschiedliche Nutzungsarten sind bekannt. Neben Getreide wurden unter anderem Öl, Holz und Stoffe verarbeitet; entsprechend vielfältig waren die Tätigkeiten der Mahl-, Öl-, Säge-, Schleif- und Walkmüller.
Im Laufe der Zeit entstanden in Potsdam bis zu 48 Mühlen – unter anderem am Kiewitt, am Mühlenberg, vor dem Berliner Tor und auf dem Babelsberg.
Handwerker, Unternehmer und Ingenieure
Zu den niederländischen Fachleuten, die nach Potsdam kamen, gehörte Adrianus den Ouden. Der Zimmermann traf 1732 in Potsdam ein und erhielt königliche Privilegien. Er errichtete unter anderem Schleif- und Hammermühlen, eine Graupenmühle und eine Walkmühle zur Verarbeitung von Stoffen. Seine Tätigkeit beschränkte sich jedoch nicht auf den Mühlenbau. Den Ouden war auch an der Reparatur der Kuppel des Fortunaportals und an der Theatermaschine im Neuen Palais beteiligt. Darüber hinaus engagierte er sich als Investor bei verschiedenen Bauvorhaben.
Auch Cornelius van den Bosch prägte als Zimmermeister das Potsdamer Baugeschehen. Der Vater kam schon 1720 als Grenadier und Zimmermann hierher. Unter anderem war er am Bau des Jagdschlosses und des Kastellanhauses am Stern beteiligt. Er war der erste Besitzer des Hauses Gutenbergstraße 81 im Holländischen Viertel und begründete eine Dynastie von Zimmerleuten in Potsdam.
Sein Sohn Cornelius Wilhelm van den Bosch ging für fünf Jahre zur Ausbildung in die Niederlande. Dort erlernte er neben dem Zimmermannshandwerk auch den Mühlenbau. Friedrich II. ernannte ihn zum Hof-Zimmermeister. Zu seinen Arbeiten als Zimmermann gehörte unter anderem das Dach der Neuen Kammern. Später wurde er zum Erbauer der Historischen Mühle neben Schloss Sanssouci.
Der wohl bekannteste niederländische Baumeister in Potsdam ist Jan Bouman, dessen 320. Geburtstag wenige Tage zuvor begangen wurde. 1732 folgte er dem Werben des Soldatenkönigs und ließ sich in Potsdam nieder. Bouman errichtete unter anderem die Rehnitzmühle, die an der Stelle des heutigen Flatowturms stand. Die Mühle konnte vielseitig eingesetzt werden – als Korn-, Schneide-, Öl- und Rossmühle. Ihre vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten brachten ihr allerdings den Unmut der konkurrierenden Müller ein. Im Volksmund wurde sie deshalb auch „Streitmühle“ oder „Prozessmühle“ genannt. 1848 brannte die Rehnitzmühle ab. Sein Wissen über den Mühlenbau zeigte Bouman auch bei einer von ihm errichteten Ölmühle in der Neumark. Sie soll bei geringeren Kosten den doppelten Ertrag erbracht haben.
Abschied von einer Legende
Eine besondere Überraschung des Vortrags war der Umgang mit der wohl bekanntesten Potsdamer Mühlengeschichte: der Legende vom Streit zwischen dem Müller von Sanssouci und Friedrich II.
Susanne Marok hatte diese Geschichte bewusst ausgespart, da sie nicht den historischen Tatsachen entspricht. Der anwesende Museumsleiter Torsten Rüdinger erläuterte, welche Aussage hinter der später entstandenen Legende steht: Sie sollte zeigen, dass sich Friedrich II. an geltendes Recht gebunden fühlte – im Gegensatz zu anderen absolutistischen Herrschern.
Tatsächlich störte den König die Mühle keineswegs. Er soll vielmehr der Ansicht gewesen sein, dass sie „dem Schloß eine Zierde sey“. Es war vielmehr der Müller selbst, der beantragte, den Mühlenstandort aufgeben zu dürfen, weil dort nicht genügend Wind zur Verfügung stand. Friedrich II. lehnte dies ab. Die Mühle sollte weiterhin sein Schloss zieren – und tut dies bis heute.
Der Vortrag machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie eng technische Innovation, wirtschaftliche Interessen und Stadtentwicklung miteinander verbunden waren und welchen Anteil niederländische Fachleute an der Geschichte Potsdams hatten. Vielen Dank an Susanne Marok für diesen erhellenden und zugleich unterhaltsamen Vortrag!

