Andreas Huxol sprach beim April-Vereinstreffen über die Geschichte der böhmischen Siedler in Nowawes. Der Vorstand des Förderkreises Böhmisches Dorf Nowawes und Neuendorf e.V. lebt zwar schon sehr lange in Babelsberg, aber erst als Rentner befasst er sich mit der Geschichte. Mit seinem Verein bietet er regelmäßig Führungen an. Sein Vortrag beim Kulturstadt Potsdam e.V. war ein Beitrag zu unserem Jahresthema „Internationale Impulse für Potsdam“.
Historischer Hintergrund
Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag Brandenburg in Trümmern: massive Bevölkerungsverluste und wirtschaftlicher Niedergang prägten das Land. Vor diesem Hintergrund war gezielte Zuwanderung entscheidend für den Wiederaufbau. Besonders das Potsdamer Edikt von 1685 führte qualifizierte Handwerker, Landwirte und Fachleute nach Brandenburg, die wichtige Impulse für Handwerk, Landwirtschaft und Gewerbe gaben.
Gründung der Kolonie Nowawes
Friedrich II. erteilte 1750 den Befehl zur Gründung einer Kolonie für böhmische Glaubensflüchtlinge und beauftragte den Stadtkommandanten Oberst von Retzow mit dem Bau.
Entlang der heutigen Rudolf-Breitscheid-, Karl-Liebknecht-, Karl-Gruhl- und Wichgrafstraße entstanden aus billigstem Baumaterial Fachwerkhäuser, die sogenannten Weberhäuser, die schon nach wenigen Jahren reparaturbedürftig wurden und einige Besitzer entweder in den Ruin trieben oder zur Flucht zwangen. Im Zentrum liegt der dreieckige Weberplatz mit der Friedrichskirche als geistlichem und sozialem Mittelpunkt. Um Friedrichs Engagement ranken sich diverse Legenden, die Andreas Huxol zum Besten gab. So soll er einen sächsischen Bauarbeiter gefragt haben, wie der Ort denn heißt. Der wusste es selbst nicht und antwortete „Nowawes“.
Handwerk und Gewerbe
Die wirtschaftliche Grundlage bildete das Weberhandwerk, organisiert in einem Verlagssystem. Das heißt, die Weber mussten die Wolle von einem Verleger kaufen und die Stoffe wieder an ihn verkaufen. Sie blieben arm dabei. Daneben siedelten sich viele weitere Gewerke an: Wollstreicher, Spinner, Tuchmacher, Bäcker, Gärtner, Maurer und Schlächter, die wesentlich zur Versorgung der Kolonie beitrugen.
Alltag, Schule und Kultur
Das Alltagsleben war geprägt von Zweisprachigkeit und dem christlichen Glauben nach dem böhmischen Reformer Jan Hus. Erst im frühen 19. Jahrhundert setzte sich die deutsche Sprache bei der Predigt und im Schulunterricht vollständig durch. Die Kolonie entwickelte sich dynamisch und wuchs rasch.
Weberstube und Böhmische Tage
Der Vortrag zeigte, wie stark Zuwanderung die lokale Entwicklung Potsdams geprägt hat – und wie der Förderkreis Böhmisches Dorf Nowawes und Neuendorf e.V. diese Geschichte heute vor Ort lebendig hält. Er unterhält mit der Weberstube in der Karl-Liebknecht-Straße 23 ein kleines Stadtteilmuseum. Es ist aktuell dienstags, mittwochs und donnerstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Der Weberplatz war und ist bis heute das Herz von Babelsberg. Hier treffen sich die Menschen, handeln Waren, feiern Feste – genau wie vor über 250 Jahren. Höhepunkt im Jahresverlauf sind die Böhmischen Tage, die vom 29. bis 31. Mai 2026 stattfinden.
Weitere Informationen, Bilder und Videos über die Nowaweser Weberstube sind im Potsdam-Wiki zu finden.
Foto: Andreas Huxol und Fides Mahrla (Kulturstadtverein) im Saal des Restaurants Theo & Logos © Bolko Bouché
