Das russische Dorf mitten in Potsdam – eine Spurensuche

Unser Mitglied Jutta Michelsen und ihr Mann Gerd empfingen am 18. September rund 30 Mitglieder zu einem informativen Nachmittag unter dem schattigen Nussbaum in ihrem Garten. Im Mittelpunkt stand das Thema „Das russische Dorf mitten in Potsdam – eine Spurensuche“. Dabei ging es um die Sänger des 1. Garderegiments zu Fuß, die als erste Bewohner der Kolonie Alexandrowka nach Potsdam kamen, und um ihre Nachfolger.

Eindrücklich schilderte Jutta Michelsen die enge Verbindung der Hohenzollern mit dem russischen Zarenhaus und die Bedeutung der Napoleonischen Kriege (1792 bis 1815). Vor rund 200 Jahren ließ Friedrich Wilhelm III. zum ewigen Andenken an Zar Alexander I. die Kolonie Alexandrowka errichten. Seit 1999 gehört sie zum UNESCO‑Weltkulturerbe. Die historischen Hintergründe sind ausführlich im PotsdamWiki dokumentiert.

Im Rahmen unseres Jahresthemas „Internationale Impulse für Potsdam“ beschäftigen wir uns 2026 mit den Spuren verschiedener Einwanderergruppen und ihrem Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Die Russen kamen dabei aus anderen Gründen nach Potsdam als viele andere Zuwanderer. Sie gelangten vor allem aufgrund militärischer Bündnisse und Entscheidungen der preußischen und russischen Herrscher hierher. Mehr dazu ist im PotsdamWiki-Artikel „Russen in Potsdam“ nachzulesen.

Ein Haus mit Geschichte

Als die Familie Michelsen 2018 Haus und Grundstück in der Russischen Kolonie 9 kaufte, glich das historische Ensemble eher einem Museum im Verfall. Zuvor hatte dort die Familie des Malermeisters Carl Adolf Gustav Anisimoff mit ihren Töchtern gelebt. Anisimoff hatte die Kolonistenstelle in den 1940er Jahren mit Genehmigung des Regierungspräsidenten baulich verändert. Unter anderem entstanden eine Garage, zusätzlicher Wohnraum im ehemaligen Stall und ein Luftschutzkeller.

Nach dem Wegzug der Familie wurde das Haus von der Stadt Potsdam verwaltet und vermietet. Nach der politischen Wende erreichten die Töchter 2002 die Rückgabe. Nachkommen nutzten das Haus anschließend noch einige Jahre, bevor es sechs Jahre leer stand.

Der Erwerb durch die Familie Michelsen 2018 bedeutete den Beginn einer umfassenden Grundsanierung, die von Anfang an mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt wurde. Dabei kamen erhebliche Schäden zum Vorschein. Unter anderem musste der stark verrottete Basisbalken, auf dem das Fachwerk ruht, aufwendig erneuert werden.
Heute ist das Kleinod wieder ein Mittelpunkt für Familie und Gäste – besonders für Freunde aus Potsdams Partnerstadt Versailles.

Die Obstgärten der Alexandrowka

Auch die Geschichte der Obstbäume in der Alexandrowka ist fast so spannend wie die der Häuser selbst. Während die ursprünglichen Bewohner, die russischen Soldaten, zunächst mit Rindern und Getreide bei der Selbstversorgung wenig Erfolg hatten, entwickelte sich das Areal im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem regelrechten Obstgarten. Alte Listen belegen Nachbestellungen von mehreren hundert Bäumen zwischen 1868 und 1880. Heute findet sich auf dem Gelände eine Mischung aus wenigen alten Bäumen und Nachpflanzungen aus Anlass der Bundesgartenschau 2001.

Alle zwölf Häuser der einstigen russischen Kolonie verfügen über ein rund 1.000 Quadratmeter großes Grundstück. Viele Mitglieder konnten sich bei ihrem Besuch von dem liebevoll von Gerd Michelsen gepflegten Hausgarten mit Blumen und Gemüse für den eigenen Bedarf überzeugen.

Die übrigen, den ersten Bewohnern zugeordneten sogenannten Segmente sind heute städtische Grünflächen. Da die Bewohner keine Zäune errichten dürfen, gehen private Grundstücke und städtische Flächen nahezu nahtlos ineinander über.

Die Obstinitiative Alexandrowka

Anfang 2026 gründete sich auf Initiative des Ehepaars Michelsen und in Abstimmung mit den Bewohnern der Kolonie und der Stadtverwaltung die „Obstinitiative Alexandrowka“. Ihre Mitglieder ernten das Obst auf den städtischen Flächen und stellen es am Tag nach der Ernte kostenlos sozialen Einrichtungen zur Abholung bereit. Dazu gehören unter anderem die Tafel, die AWO, die Hoffbauer-Stiftung, das Oberlinhaus, die Arche Potsdam und verschiedene Kitas.

Für die erste Kirschenernte mussten zunächst Geräte beschafft, Kontakte geknüpft und ehrenamtliche Helfer gewonnen werden. Die Bilanz der ersten Saison kann sich sehen lassen: Rund eine Tonne Kirschen wurden von etwa 50 Ehrenamtlichen geerntet.  Wer die Obstinitiative unterstützen möchte, kann sich unter obstinitiative.alexandrowka@gmx.de melden.

„Das ist ein weites Feld“

Zum Abschluss ihres Vortrags zitierte Jutta Michelsen Theodor Fontane aus dem 1898 erschienenen Roman „Der Stechlin“. Dort sagt Dubslav von Stechlin zu Hauptmann Czako: „…und dieses Programm heißt: Russland. Heutzutage darf man freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum die ‚russische Kirche‘ und das ‚russische Haus‘ gebaut wurden und es immer hin- und herging zwischen Berlin und Petersburg“ …
Ja, das ist ein weites Feld. Bei Apfelsaft aus der Ernte von 2025 und Brezeln klang der informative Nachmittag mit angeregten Gesprächen und Spaziergängen durch den Garten fröhlich aus.

Herzlichen Dank an Jutta und Gerd Michelsen für ihre Gastfreundschaft und diesen besonderen Einblick in ein Stück russisch-preußischer Geschichte mitten in Potsdam.